Die Chirotherapie

Historische Entwicklung der manuellen Medizin

 

Die manuelle Medizin ist bereits uralter Bestandteil der Naturmedizin vieler Völker. Wie Strabo (griechischer Geograph um 50 v. Chr.) bereits in seinem vierten Buch erwähnt, waren zu seiner Zeit den Indern Manipulationen an der Wirbelsäule bekannt. Bei den Griechen wurden Abbildungen gefunden, die ins 5. Jahrhundert v. Chr. zu datieren sind (Zeit des Hippokrates). Hippokrates beschreibt die Rolle der Wirbelsäule als zentrales reflektorisches Steuerungsorgan in seiner Schrift über die Gelenke, in der es heißt: „Die Wirbelsäule trägt Ursache und Wirkung in eins." Sein Begriff der „Parathremata" soll dem späteren, ebenfalls nur noch historisch interessanten Begriff der chiropraktischen Subluxationen in etwa entsprechen. Er schreibt, daß das geringe Abrücken eines oder mehrerer Wirbel von Hand wieder in Ordnung gebracht werden sollte. Im Mittelalter finden sich Aufzeichnungen über manuelle Behandlungen bei Avicenna, Galen und auch Hildegard von Bingen.

 

Ausgangs des Mittelalters verliert sich die Kenntnis der manuellen Behandlungstechniken in der ärztlichen Ausbildung und es sind Laienbehandler wie die „bonesetters" in England oder später die Schäfer in Deutschland, die diese Techniken pflegen. In den Bereich ärztlichen Handelns wurde die manuelle Medizin im 19. Jahrhundert wieder durch den amerikanischen Arzt  Atkinson (ca. 1866 in Davenport) gerückt. Still, der Begründer der osteopathischen  Schule, und Palmer, der Begründer der  chiropraktischen Schule, werden ebenso  zu seinen Schülern gerechnet wie - zumindest indirekt - der Schweizer Landarzt Otto Naegeli, der 1894 ein Buch unter dem Titel „Therapie von Neuralgien und Neurosen durch Handgriffe" veröffentlichte. Still (1828-1919) entwickelte eine Lehre, derzufolge die Wirbelsäule bei allen Erkrankungen eine Schlüsselstellung einnehme. Er glaubte, daß es durch die geringe Fehlstellung eines Wirbels über eine Kompression der Blut- und Lymphgefäße und damit über eine örtliche Minderdurchblutung zu einer Verteidigungsschwäche des Organismus und dadurch zur Krankheit komme. Die manuelle Beseitigung dieser Fehlstellung (als solche wurde die osteopathische Laesion anfangs verstanden) sollte über eine Normalisierung der Durchblutung und damit über einen Wiederaufbau der Abwehrkräfte zur Heilung führen. Still gilt als der Begründer der osteopathischen Schule. Palmer, ein amerikanischer Gemischtwarenhändler, der als Laientherapeut wirkte, blieb beim Begriff der Subluxation, den er wie folgt definierte: „Der Wirbel bleibt an der Grenze normaler Bewegungsmöglichkeit fixiert und erreicht nicht spontan den Nullpunkt des Ruhestadiums. Die Verschiebung der Wirbel ist allerdings gering, doch bedingt sie eine Einengung des Formen intervertebrale mit Kompression des Inhalts, vor allem der Ganglien und der Nervenwurzeln. Die Kompression löst Schmerzen als Folge veränderter Leitfähigkeit der Nerven aus. Auf dem Weg nach Europa kam die manuelle Medizin aus den USA zunächst nach England, wo vor allem Mennell und Stoddard die osteopathische Schule weiterentwickelten.

 

In Deutschland setzte die Entwicklung vor allem nach 1945 ein, wobei sich zunächst zwei Schulen bildeten:

a) Die Sellsche Schule in Isny-Neutrauchburg, die in kritischer Weise und unter laufender Berücksichtigung empirischer Erkenntnisse die chiropraktische Technik  weiterentwickelte  (MWE).  Ihre Grundlage ist vor allem die Sellsche Lehre von der Irritationspunktdiagnostik und der Manipulation in die „freie Richtung". In den letzten Jahren wurde auch hier die theoretische Arbeit deutlich vertieft, wobei sich vor allem in der Argentalklinik ein Forschungs- und Arbeitszentrum entwickelte.

 

b) Die auf der osteopathischen Lehre aufbauende Schule der FAC in Boppard (früher Hamm), deren heutiges Lehrgebäude vor allem auf der Arbeit ihres langjährigen Leiters Gottfried Gutmann und seines Nachfolgers Herbert Frisch beruht.

 

1959 wurde in der Schweiz eine eigene Gesellschaft (SÄMM) gegründet, die weitgehend aus der Neutrauchburger Schule hervorging. Sie wurde anfangs durch die Arbeit des Seil-Schülers Hans Caviezel geprägt. Ihre heutige Arbeit beruht vor allem auf den Ergebnissen der Arbeit von Jiri Dvorak. In Frankreich wurde 1970 ein Lehrauftrag für Maigne an der Pariser Medizinischen Fakultät mit einer Ausbildungsdauer von fünf Monaten vergeben. Die Österreichischen Ausbildungsstätten sind aus den deutschen Schulen hervorgegangen. Aus der MWE ging die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für manuelle Medizin nach Dr. Karl Seil hervor; aus der

FAC die Österreichische Gesellschaft für manuelle Medizin. 1966 erfolgte in der Bundesrepublik Deutschland der Zusammenschluß beider Ärzteseminare zur Deutschen Gesellschaft für manuelle Medizin (DGMM). Diese wurde 1990 erweitert durch die Aufnahme des Ärzteseminars Berlin (der früheren Sektion Manuelle Medizin der Gesellschaft für physikalische Medizin der ehemaligen DDR).

 

Die DGMM hat sich die Aufgabe gestellt, die manuelle Medizin unter ständiger kritischer Überprüfung weiter zu entwickeln und hat sie in ein auch für die moderne naturwissenschaftlich orientierte Medizin akzeptables Lehrgebäude eingefügt. Sie ist bestrebt, den Ärzten eine echte Erweiterung ihrer diagnostischen und therapeutischen Palette zu bieten. Es soll eine sachliche Information über die Wirkungsweise und die Möglichkeiten der manuellen Medizin für alle Ärzte ermöglicht werden. Die Möglichkeiten wurden in den letzten Jahren durch die Vergabe von Lehraufträgen für manuelle Medizin an den orthopädischen Lehrstühlen deutscher Universitäten deutlich erweitert. Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung wurde auch seitens der Berteismannstiftung durch die Schaffung der Akademie für manuelle Medizin an der Universität Münster getan. Die Instruktion in den Techniken der manuellen Medizin soll für jeden Arzt geboten werden, der sich besonders mit den Erkrankungen und Störungen der Haltungs- und Bewegungsorgane befaßt, wobei hier in erster Linie an die Orthopäden zu denken ist, die den Erwerb von Kenntnissen in Chirotherapie als erste in ihre Facharztweiterbildung aufgenommen haben.

 

Der Erwerb der Zusatzbezeichnung „Chirotherapie" war anfangs außerdem noch für Allgemeinärzte und Chirurgen vorgesehen. In den letzten Jahren haben aber immer mehr Landesärztekammern weitere Fächer hinzugenommen, vor allem Internisten und Neurologen. Die Fachärzte für physikalische und rehabilitative Medizin haben den Erwerb eingehender Kenntnisse und Fertigkeiten in Chirotherapie in ihrem neuen Facharztkatalog. Als Voraussetzung für die Ausbildung in den Ärzteseminaren, deren Qualifikation von der Deutschen Gesellschaft für manuelle Medizin als gegeben angesehen wird, wurde ein Informations- und Einführungskurs von zwölf Stunden Dauer geschaffen, der vor allem die theoretische Einführung in die manuelle Medizin beinhaltet.

 

Chirodiagnostische und chirotherapeutische Technik

H. P. Bischoff, Isny-Neutrauchburg